Der „Weiterbildungsblogger“ Dr. Jochen Robes (JR) im Interview über aktuelle Trends im Digital Learning

DL Meetups: Wenn es um Digitale Bildung geht, denken die Einen an avancierte Technologien für immersives, individualisiertes und informelles Lernen – die Anderen schlicht an Videolectures bei YouTube. Welche Formate und Technologien werden aus Ihrer Sicht die betriebliche Bildung in Zukunft prägen?

JR: Ich glaube, beides passt und geht irgendwie ineinander über. Wir werden hoffentlich mehr Lösungen bekommen, die sich nahtlos in unseren Arbeitsalltag und in unsere Arbeitsprozesse integrieren. Die wir dann nutzen, wenn wir sie brauchen, vielleicht sogar direkt aus dem täglichen Projektmanagement heraus, aus Slack, Teams oder Trello. Und das könnte durchaus ein Video auf YouTube sein. Daneben werden nach wie vor Inhalte stehen, die etwas formalisierter sind und über Lernplattformen gesteuert werden. Pflichtschulungen zum Beispiel. Und mit VR und AR kommen jetzt Erlebnisse hinzu, die heute noch – technisch gesehen – etwas separat laufen, aber sich in naher Zukunft sicher noch besser in bestehende Lernumgebungen, ob online oder Präsenz, integrieren lassen. Es wird also sehr vielfältig bleiben, weil wir als Lernende unterschiedliche Bedürfnisse haben, die Kontexte so unterschiedlich sind und die Ressourcen im Netz so zahlreich.       

DL Meetups: Das MIT in Boston verkauft inzwischen mit großem Erfolg Online Micro-Master und Executive-Education Angebote für das corporate learning. In dieselbe Richtung gehen auch Coursera und edX. Werden nach Ihrer Einschätzung solche kleinformatigen Bildungsangebote und Micro-Zertifikate auch in deutschen Unternehmen Einzug halten?

JR: Schwer zu sagen. Eine Reihe von Unternehmen, vor allem größere, schätzen die Angebote der genannten Plattformen und haben entsprechende Lizenzvereinbarungen mit LinkedIn Learning, Udacity oder Coursera vereinbart. Was sie suchen, sind aktuelle Inhalte, gerade in so wichtigen Feldern wie Künstliche Intelligenz oder Management Skills. Ob da Microcredentials wie die berühmten Nanodegrees eine Rolle spielen? Ich vermute, sie sprechen eher einzelne Lernende und Recruiter an und bilden eine neue Währung auf dem Jobmarkt, an die wir uns gewöhnen müssen.  

DL Meetups: You teach me, I teach you… Funktioniert eigentlich soziales Lernen in Unternehmen?   

JR: Die besten Beispiele für soziales Lernen finden wir wahrscheinlich bei Startups, in Teams bzw. Unternehmen, die die Prinzipien leaner und agiler Organisationsentwicklung leben. Peer Feedback, Retrospektiven und Stand-Ups, also diese kleinen Work Hacks, wie sie ja auch gerne genannt werden, sind schöne Vorlagen für informelles, soziales Lernen. Daneben gibt es natürlich auch die großen, unternehmensweiten Kollaborationsplattformen. Aber hier suchen ja viele Unternehmen noch nach Wegen, wie sie ihre Mitarbeitenden begeistern können, aktiver beizusteuern und ihre Erfahrungen zu teilen. Corporate Learning, so mein Eindruck, schaut noch mit einem großen Fragezeichen auf diese Möglichkeiten des Netzwerkens.