von Jochen Robes:

Natürlich machen wir das Lernen im Zeichen der Digitalisierung gerne an neuen Technologien oder Lernformaten fest. Augmented oder Virtual Reality werden zum Beispiel derzeit hoch gehandelt und sind auf der LEARNTEC im Januar sogar mit einer eigenen VR/AR-Area belohnt worden. Oder die virtuellen Lernassistenten und Chatbots, die mit Blick auf Künstliche Intelligenz und Algorithmen auch in der Weiterbildung viel Fantasie freisetzen. Aber dabei handelt es sich in der Regel noch um Versprechen, die nur an wenigen Stellen bereits eingelöst wurden. Und sie berühren oft die Fragen nicht, die mit dem Ruf nach lebenslangem Lernen verbunden sind: Wie kann man von den Möglichkeiten des offenen Netzes in der Weiterbildung profitieren? Wie kann das Von- und Miteinanderlernen in der Bildung gestärkt werden? Wie können Arbeits- und Lernprozesse näher zusammenrücken. Kurz: Es geht um das offene, partizipative, community-basierte Lernen, das im Folgenden an drei Perspektivwechseln verdeutlicht wird.
      

Die Weiterbildung öffnen

Das Internet ist eine unendliche Bildungsressource. Wikipedia, YouTube und Massive Open Online Courses (MOOCs) sind die Leuchttürme. Aber sie bilden natürlich nur einen kleinen Ausschnitt aus den Bildungsangeboten, die im Netz heute für unzählige Themen und in unzähligen Formaten bereitstehen.

Diese Ressourcen warten nur darauif, die unternehmensinternen Bildungsportfolios und Curricula zu  ergänzen. Sie können verlinkt und eingebunden werden – als dynamisch  wachsende Kurs-Bibliothek im Netz oder als konkrete Aufhänger für Aufgaben und Diskussionen in einzelnen Bildungsmaßnahmen. Verschiedene aktuelle Stichworte unterstreichen diesen Punkt: Die stetig wachsenden Bibliotheken an Online-Kursen wurden bereits genannt. Content Curation ist eine weitere Perspektive. Sie versucht Antworten auf die Frage zu formulieren, wie die Inhalte des Netzes und die Bedürfnisse von Unternehmen und Nutzern gezielt zusammenkommen. Die Arbeit mit den Bildungsressourcen im Netz wird natürlich erleichtert, wenn diese offen zugänglich sind und von Interessierten genutzt, verarbeitet und weitergegeben werden dürfen. Dafür stehen Open Educational Resources (OER) und offene Lizenzen wie Creative Commons, auch wenn diese Entwicklungen in der beruflichen Weiterbildung noch wenig verbreitet sind.

Ein interessantes Beispiel, das vor einigen Monaten die Runde machte: Der Automobilhersteller Audi hat eine Weiterbildungskampagne gestartet, um die eigenen Mitarbeitenden auf den strategischen Feldern Big Data und Künstliche Intelligenz fit zu machen. Und diese Kampagne mit Namen „data.camp“ setzt auf eine interessante Kombination von Online-Kursen der Plattform Udacity, eigenen Präsenzveranstaltungen und Tutoren aus den Audi-Fachbereichen ("Kooperation mit Udacity: Audi macht Mitarbeiter fit für künstliche Intelligenz", Automobilwoche).         

Möglichkeiten der Vernetzung bieten

Weiterbildung ist traditionell ein termingebundenes Ereignis, ein Seminar, das besucht wird, oder eine Folge von Seminaren in Form eines Kurses. Die neuen Medien bieten jedoch vielfältige Möglichkeiten, Lernen als Austausch zu konzipieren, der über die bekannte Lehrveranstaltung hinausgeht.

Das beginnt mit einer Gruppe, die auf einer Kursplattform für die jeweilige Lehrveranstaltung eingerichtet wird. Anschließend werden die Teilnehmenden eingeladen, sich auf der Kursplattform anzumelden, ihr Profil auszufüllen und sich möglicherweise bereits untereinander zu vernetzen. Eine Agenda sowie Informationen über den Kursverlauf, die eingesetzten Medien und Methoden stehen ihnen zur Verfügung; erste Materialien zur Vorbereitung sind verlinkt.

Erstreckt sich der Kurs über einen längeren Zeitraum, bildet die Gruppe im Netz die zentrale Anlaufstelle für Ressourcen, Aufgaben, Feedback und die weitere Kurskommunikation. Idealerweise unterstützt die Kursplattform die Funktionen, die die Teilnehmenden aus ihren sozialen Netzwerken kennen und bietet ihnen so Möglichkeiten, selbst in Foren und Blogs aktiv zu werden, eigene Beiträge zu erstellen und Ressourcen im Netz zu verlinken.  

Natürlich wird auch auf diese Weise nicht aus jedem Kurs eine aktive Community. Aber Referenten und Trainer, die sich auch als Moderatoren, Lernprozessbegleiter und Community Manager verstehen, unterstützen auf diese Weise das informelle, selbstorganisierte Lernen ihrer Teilnehmenden, auch wenn es am Ende des Tages intern in Jam (SAP) und Teams (Microsoft) oder extern auf Twitter, Xing oder LinkedIn fortgeführt wird.

Teilnehmende als Ideengeber und Problemlöser sehen

Wer heute ein Seminar oder einen Workshop gestaltet, kann auf einen gut gefüllten Werkzeugkasten an aktivierenden Methoden und Instrumenten vertrauen. Mit ihnen werden Lernende motiviert, ihre eigenen Erfahrungen und Vorstellungen einzubringen. Auch hier gilt: Sind Referenten und Trainer bereit, die verschiedenen Plattformen und Tools im Netz in die Konzeption ihrer Bildungsmaßnahmen einzubeziehen, erweitert sich ihr Spektrum.

Wer zum Beispiel Literatur zum Kursthema zusammenstellt, kann Teilnehmende einladen, eigene Fundstücke in einem Wiki oder einem Social Bookmarking-Tool zu ergänzen. Hausaufgaben können mit Ideenwettbewerben verknüpft werden: Man lässt die Teilnehmenden eigene Vorschläge formulieren, z.B. in einem Diskussionsforum, und dann über die attraktivsten Lösungen abstimmen. Das Netz bietet hier eine Palette von Möglichkeiten, die vom einfachen „Like“ bis zu eigenständigen Plattformen für entsprechende Umfragen reichen. Wenn die Medienkompetenzen der Teilnehmenden weiter reichen, können ihre Beiträge – ganz im Sinne von User-generated Content - natürlich auch als Grafiken, Audios oder Videos erstellt und mit anderen geteilt werden.

Die Corporate Learning Camps und ihre regionalen Communities, die sich seit Jahren einer wachsenden Beliebtheit erfreuen, folgen genau diesem Weg. Aufbau und Ablauf der Veranstaltungen liegen ganz in den Händen der Teilgebenen. Ihre Interessen und Themen stehen im Vordergrund und ihre Erfahrungen und Kompetenzen bestimmen Austausch und Vernetzung.

Die Herausforderungen

Die hier geschilderten Potenziale des Lehrens und Lernens mit neuen, digitalen Medien müssen natürlich aktiv aufgegriffen und gestaltet werden. Sie gehen mit zum Teil einschneidenden Veränderungen in der Bildungsarbeit einher: neue Kompetenzen, neue Rollen und Aufgaben, neue Lernumgebungen, neue Geschäftsmodelle.

Doch das Lernen mit neuen, digitalen Medien wird ja an vielen Stellen bereits erfolgreich und selbstverständlich praktiziert. Und das Netz spielt uns auch hier in die Hände: Als Bildungsexperten können wir viele dieser Konzepte und Formate sofort ausprobieren und üben, bevor wir sie selbst einsetzen. Fest steht, dass die Digitalisierung in der Weiterbildung unumkehrbar ist. Bildungsinstitutionen sind deshalb gefordert, ihre eigenen Angebote immer wieder auf den Prüfstand zu stellen, um auch zukünftig den Anforderungen und Bedürfnissen ihrer Zielgruppen gerecht werden zu können.

Bildquelle: "My Life Through A Lens" (Unsplash)