Dr. Volker Zimmermann, Geschäftsführer von NEOCOSMO, im Interview zum Thema „Lernen im Industrie 4.0 Zeitalter“.

DL Meetups: Unsere Kurzbefragung hat eine Vielzahl von verschiedenen Lernmaßnahmen ermittelt, die im Change-Prozess hin zu „Industrie 4.0“ wichtig sind. Was würdest Du als erste Maßnahmen vorschlagen, wenn Du als Personalentwickler für diesen Prozess verantwortlich wärst?

VZ: Der Themenkomplex Industrie 4.0 ist von einer hohen Innovationsdynamik gekennzeichnet. Aus meiner Sicht benötigen die Mitarbeiter begleitend zu den Industrie 4.0 Projekten ein breites Rundumwissen zu digitalen Themen in der Produktion. Und sie müssen sich miteinander im Unternehmen vernetzen. Insofern würde ich als eine erste Maßnahme ein internes Themen- und Wissensportal verknüpft mit Möglichkeiten der digitalen Zusammenarbeit aufbauen. Experten aus dem Unternehmens können im Portal über ihre Projekte berichten und interessante Artikel, Videos und Beiträge veröffentlichen. Die Personalentwicklung könnte wichtige Wissens- und Lerninhalte sowie Erklärvideos bereitstellen. In Themen- und Austauschgruppen könnten gemeinsame Projekte diskutiert, Erfahrungen dokumentiert und wichtige Themen diskutiert werden. Die Mitarbeiter könnten ihre Erkenntnisse in den Gruppen beisteuern.

DL Meetups: Der Digitalisierungsprozess in einem Unternehmen geht häufig Hand in Hand mit der Beschaffung von Maschinen, die in kurzer Zeit viele Messdaten auswerten, die miteinander kommunizieren und sogar in einer Prozesskette gemeinsam mit Menschen arbeiten. Kannst Du Dir vorstellen, dass man diese Maschinen auch für Lernprozesse nutzen kann? Dass die Maschine einem beibringt, wie sie funktioniert und wie sie zu bedienen ist?

VZ: Virtual Reality (VR) und Augmented Reality (AR), sog. XR-Technologien, haben sich stark weiterentwickelt und werden bereits häufig als Trainingstechnologie für Menschen genutzt – zumal hierbei Sensorinformationen von den Maschinen zum aktuellen Zustand der Maschine für die Simulation genutzt werden können. Einziges Problem ist, dass die Abbildung der Realität in der Virtual Reality sehr teuer ist – gerade dann, wenn man möglichst nah an echtes Training herankommen will. Aber es wird allmählich günstiger, auch wenn es noch keine Breitentechnologie ist.

Einen anderen Aspekt möchte ich aber noch einbringen. Je intelligenter Maschinen werden, umso mehr müssen wir uns auch mit den Fragen beschäftigen, wie wir diese Maschinen trainieren. Vielleicht werden wir (leider) in 20 Jahren mehr Trainingsaufwand in Maschinen stecken als in Menschen. Schon heute werden für selbstfahrende Autos Lernvideos produziert, die Situationen simulieren, die das Auto erkennen und erlernen muss. Dafür wird ein beträchtlicher Aufwand betrieben.

DL Meetups: Wenn man über Digitalisierung in Unternehmen spricht, wird damit automatisch auch eine Digitalisierung der Weiterbildung mitgedacht. Mal ketzerisch gefragt: Ist das wirklich zwangsläufig aneinander gekoppelt? Für welche Lernzwecke sollte man digitale Lernformen einsetzen – und wo auch schon mal analoge?

VZ: Nein, das ist nicht zwangsläufig miteinander gekoppelt. Aber es macht Sinn. Schüler können sich doch heute schon gar nicht mehr vorstellen, ohne YouTube Hausaufgaben zu machen oder das vielfältige Wissen im Web in der Schule unberücksichtigt zu lassen. Und genauso ist es auch in Unternehmen. Die Mitarbeiter werden zum Treiber der Entwicklung. Die Personalbereiche bleiben immer öfter bei der selbstgesteuerten Weiterbildung außen vor. Je mehr Angebote es im Web gibt, umso mehr greifen Mitarbeiter darauf zu. Aus meiner Sicht gibt es nur einen Weg für die Personalentwicklung: Sie sollte Lernangebote für die Mitarbeiter sammeln und systematisieren, so dass die Mitarbeiter im Unternehmen das relevante Wissen nicht mehr selbst suchen und für sich validieren müssen. Es geht darum, das relevante Wissen für das Unternehmen schneller zur Verfügung zu haben und Suchaufwand der Mitarbeite für relevante Wissensinhalte zu reduzieren.